Campbeltown: einst Whisky-Hauptstadt der Welt

Kurz gesagt: Campbeltown auf der Halbinsel Kintyre war im 19. Jahrhundert eine der wichtigsten Whiskystädte der Welt, zeitweise mit über 30 Brennereien. Qualitätsprobleme, die US-Prohibition und die Krise der 1930er-Jahre ließen nur zwei übrig. Heute arbeiten dort drei Brennereien: Springbank, Glen Scotia und Glengyle (Kilkerran).

Die kleinste Whiskyregion Schottlands

Campbeltown liegt am südlichen Ende der Halbinsel Kintyre an der Westküste Schottlands. Rechtlich ist der Ort eine geschützte Lokalität: Regulation 10 der Scotch Whisky Regulations 2009 definiert Campbeltown als den Wahlbezirk South Kintyre des Argyll and Bute Council. Nur dort destillierter Scotch darf den Namen tragen. Wie das Regionensystem insgesamt funktioniert, erklärt Schottlands Whiskyregionen im Überblick.

Mit drei aktiven Brennereien ist Campbeltown heute die kleinste Whiskyregion des Landes. Das war nicht immer so: Die Scotch Malt Whisky Society beschreibt die Stadt als einstige „Whiskyhauptstadt der Welt“ mit rund 30 Brennereien auf dem Höhepunkt. Die Fachseite whisky.com nennt sogar 34 Brennereien, die es in Campbeltown insgesamt gegeben habe. Die Zahlen schwanken je nach Zählweise – sicher ist, dass auf engem Raum Dutzende Betriebe arbeiteten. Für Whiskyfreunde hat der Ort deshalb einen fast mythischen Ruf: Kaum eine andere Stadt steht so sehr für Glanz und Niedergang einer ganzen Branche – und für die Hartnäckigkeit der wenigen Brennereien, die geblieben sind und heute weltweit gesucht werden.

Aufstieg: Schmuggel, Lizenzen und „Whisky City“

Die Geschichte beginnt im Verborgenen. Laut SMWS gab es 1795 in der Stadt 21 illegale Brennereien und zehn weitere im Umland. 1817 eröffnete mit der Campbeltown Distillery die erste legale Brennerei. Danach ging es schnell: 1828 wurde Springbank laut Brennerei als 14. lizenzierte Brennerei Campbeltowns gegründet – auf dem Gelände der früheren illegalen Brennerei von Archibald Mitchell.

Auf dem Höhepunkt besuchte der Journalist Alfred Barnard 1885 laut SMWS 21 Brennereien in der Stadt und nannte sie „Whisky City“. Ihre kräftigen Malts waren, wie Whisky Advocate schreibt, stark in Blends gefragt. Die Lage am Meer, ein Hafen und Kohle aus der nahen Drumlemble-Mine boten gute Voraussetzungen.

Der Absturz: warum Campbeltown fast verschwand

So steil der Aufstieg, so tief der Fall. Die SMWS nennt mehrere Gründe, die zusammenkamen:

  • Qualität: Einige Brenner destillierten zu schnell, schnitten zu großzügig und füllten in schlechte Fässer. Die torfigen Whiskys bekamen einen schlechten Ruf – bis hin zum Spott über „stinking fish“.
  • Prohibition: Die US-Prohibition von 1920 bis 1933 ließ den Handel mit Nordamerika einbrechen. Mehr dazu im Beitrag Prohibition in den USA und Whisky.
  • Kohle: 1923 schloss die Drumlemble-Kohlemine.
  • Lage: Die Straßenanbindung nach Glasgow galt als schwierig.
  • Marktgeschmack: Blender bevorzugten zunehmend die eleganteren Speyside-Malts.

Die Krise der gesamten schottischen Whiskyindustrie in den 1930er-Jahren tat ein Übriges: 1933 waren laut SMWS in ganz Schottland nur neun Malt-Brennereien in Betrieb. Anders als andere Regionen erholte sich Campbeltown nicht. Bis etwa 1935 schrumpfte die Zahl der Brennereien auf zwei – Springbank und Glen Scotia. Die verschwundenen Betriebe zählen heute zu den großen Lost Distilleries.

Dass Springbank überlebte, führt die Plattform Great Drams unter anderem darauf zurück, dass die Familie Mitchell den traditionell stark getorften Campbeltown-Stil Anfang des 20. Jahrhunderts aufhellte, während Konkurrenten, die an der Qualität sparten, Kunden verloren und schließen mussten.

Die drei Brennereien von heute

BrennereiGründungHintergrund
Springbank1828Familienbetrieb von J. & A. Mitchell; drei Marken: Springbank, Longrow, Hazelburn
Glen Scotia1832Von der Familie Galbraith gegründet, heute Teil der Loch Lomond Group
Glengylehistorisch; wieder in Betrieb seit 2004Ebenfalls J. & A. Mitchell; Whisky unter dem Namen Kilkerran

Springbank wird von der Familie Mitchell geführt, deren Vorfahren laut Brennerei schon in den 1660er-Jahren nach Campbeltown kamen und teils als Mälzer arbeiteten. whisky.com beschreibt drei Single Malts aus einer Brennerei: den leicht getorften Springbank, den ungetorften Hazelburn (erstmals 1997 destilliert) und den stark getorften Longrow (seit 1973). Mehr im Porträt Springbank.

Glengyle schloss laut SMWS rund acht Jahrzehnte vor seiner Wiedergeburt. 2000 kaufte Hedley G. Wright, ein Nachfahre von Archibald Mitchell, die Gebäude zurück; 2004 lief die erste Destillation. Der Whisky heißt Kilkerran, benannt nach dem Heiligen Kerran, und wird laut SMWS als zurückhaltend, aber hoch angesehen beschrieben.

Glen Scotia wurde 1832 von der Familie Galbraith gegründet und 1919 an West Highland Malt Distillers verkauft. Laut SMWS investierte der heutige Eigentümer in Produktion und Besucherbereich und erweiterte das Sortiment.

Cadenhead: der Abfüller aus Campbeltown

Zu Campbeltown gehört auch ein besonderes Unternehmen: Cadenhead, gegründet 1842 in Aberdeen, gilt als ältester unabhängiger Whiskyabfüller. Die Springbank-Eigentümer J. & A. Mitchell übernahmen die Firma laut Whisky Monkeys in den 1960er- oder 1970er-Jahren, als sie in Schwierigkeiten steckte. Heute finden Reifung und Abfüllung in Campbeltown statt. Die Authentic Collection wird ausschließlich in Fassstärke abgefüllt, die Original Collection meist mit 46 % vol. Dank der Verbindung zu Springbank fehlt es Cadenhead laut Whisky Monkeys weder an Fässern noch an New Make. Was unabhängige Abfüller ausmacht, erklärt der Beitrag Independent Bottlers.

Der Campbeltown-Stil

Die Scotch Whisky Association beschreibt Campbeltown-Whiskys als abwechslungsreich und geschmacksintensiv, mit typischen Noten von Salz, Rauch, Frucht, Vanille und Toffee; sie gelten als kräftig und reichhaltig. Whisky Advocate nennt leichten Torf, Rauch, Salz und eine ölige Textur.

Gerade Springbank zeigt, wie breit das Spektrum innerhalb einer Brennerei sein kann: von ungetorft (Hazelburn) über leicht getorft (Springbank) bis stark getorft (Longrow). Wer wissen will, wie unterschiedlich Rauch wirken kann, findet im Beitrag Peated vs. Unpeated den Hintergrund. Die SMWS ergänzt, dass Campbeltown-Whiskys historisch als markant torfig und intensiv galten – im Gegensatz zu den eleganteren Speyside-Malts.

Typische Missverständnisse

  • „Campbeltown ist eine Unterregion der Highlands.“ – Geografisch liegt die Stadt im Highland-Gebiet, rechtlich ist sie aber eine eigene geschützte Lokalität.
  • „Campbeltown-Whisky ist immer rauchig.“ – Nein. Hazelburn ist ungetorft, viele Abfüllungen sind nur leicht getorft.
  • „Drei Brennereien – das ist kaum eine Region.“ – Klein ja, aber mit eigener Geschichte, eigenem Recht und einem unverwechselbaren Stil.
  • „Alte Campbeltown-Whiskys gibt es nicht mehr.“ – Doch, aber selten: Springbank verkaufte laut Great Drams 2013 einen 50 Jahre alten Malt, destilliert 1919, an einen Sammler in China.

Tipps für Campbeltown-Entdecker

  • Probiere Springbank, Hazelburn und Longrow nebeneinander – drei Stile aus einer Brennerei.
  • Vergleiche Kilkerran mit Springbank: gleicher Eigentümer, unterschiedliche Handschrift.
  • Achte auf das Salzige und Ölige – es gilt als typisches Merkmal der Region.
  • Nimm dir Zeit für Wasser: Ein paar Tropfen zeigen oft, wie sich Salz, Frucht und Rauch voneinander lösen.
  • Entdecke auch Glen Scotia, die zweite Brennerei, die die Krise überlebt hat.

Zum Kennenlernen findest du bei uns den Springbank 10, den Longrow Peated, den Kilkerran 12 und den Glen Scotia 15; alles zur Region in der Kategorie Campbeltown-Whisky. Und wie bei jedem Malt gilt: Whisky ist eine Spirituose – genieße ihn maßvoll; Abgabe nur an Erwachsene ab 18.

Passend dazu bei whiskyverbot.de

Häufige Fragen

Wie viele Brennereien gibt es in Campbeltown?

Heute drei: Springbank, Glen Scotia und Glengyle, deren Whisky unter dem Namen Kilkerran verkauft wird.

Wie viele Brennereien gab es früher?

Auf dem Höhepunkt waren es laut SMWS rund 30; whisky.com nennt 34 Brennereien insgesamt. Alfred Barnard besuchte 1885 21 Betriebe.

Warum gingen so viele Campbeltown-Brennereien unter?

Qualitätsprobleme, die US-Prohibition, das Ende der örtlichen Kohlemine, die schwierige Verkehrslage und ein Wandel im Geschmack der Blender kamen zusammen.

Wie schmeckt Campbeltown-Whisky?

Typisch sind Salz, Rauch, Frucht, Vanille und Toffee, oft mit öliger Textur; die Bandbreite reicht von ungetorft bis stark getorft.

Quellen

Whisky ist eine Spirituose und ein Genussmittel. Diese Seite richtet sich ausschließlich an Erwachsene ab 18 Jahren. Bitte genieße verantwortungsvoll.

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